Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

KÜNSTLER UND AUSGESTELLTE WERKE:

Braco Dimitrijevic (*1948, Bosnien): Work in progress in der neuen schausammlung des Kunstforums (2006); Milena Dopitová (*1963, Tschechische Republik): Installation “Sixtysomething” (2003) und fünf Zeichnungen; Róza El-Hassan (*1966, Ungarn): Videos der “Blutspendeaktion” in Belgrad, Budapest und Zürich.; Sanja Ivekovic (*1949, Kroatien): Projektentwürfe “BMW Regensburg”; Oleg Kulik (*1961, Ukraine): Installation “Familie der Zukunft” (2000 – 2006) aus elf S/W-Fotografien, vier Farbfotografien, rund acht Zeichnungen und einem Videofilm; Boris Missirkov / Georgi Bogdanov (Bulgarien): Sieben großformatige Fotografien aus der Serie “Auf dem Wege in die rosige Zukunft” (2005) und drei Leuchtkästen der Arbeit “Neue Mythologien”(2002); Roman Ondák (*1966, Slowakei): Videofilme der Performances “Gedränge” (2004) und “Resistance” (2006); Dan Perjovschi (*1961, Rumänien): Zeichnungen; Anri Sala (*1974, Albanien): Großformatige Fotografien; Ene-Liis Semper (*1969, Estland): Videofilm “Die Tür” (2002); Milica Tomic (*1960, Serbien): Videofilm “Ich bin Milica Tomic” (1998).

ERÖFFNUNG: am 21. September, 20 Uhr, Eintritt frei.

KATALOG: „GRENZGÄNGER“. Hrsg. vom Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. Mit einem Vorwort von Ulrike Lorenz und Essays von Katalin Néray, Pavel Liška, Martina Pachmanová und Iliana Pintilie. Deutsch/englisch/ungarisch, 160 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Verlag für moderne Kunst Nürnberg,
ISBN-10: 3-938821-98-X, ISBN-13: 978-3-938821-99-2, Preis: 24,- €.“

BEGLEITPROGRAMM

Begleitprogramm I - V

Donnerstag, 28. September 2006, 20 Uhr
I - Künstlergespräch
Dr. Pavel Liška im Gespräch mit Milena Dopitova über ihre Arbeit „sixtysomething“

Donnerstag, 5. Oktober 2006, 20 Uhr
II - Reden über Kunst:
Politische Kulturen im Umbruch: Identitätssuche in Ostmitteleuropa. Vortrag und Gespräch von und mit Prof. Dr. Gerd Mayer, Universität Tübingen

Donnerstag, 26. Oktober 2006, 20 Uhr
III - Reden über Kunst:
ALIEN, MARX & CO. Slavoj Zizek – ein Porträt.
Dokumentarfilm von Susan Chales de Beaulieu.
ARTE/ZDF, Deutschland 2005, 52 Min.
Anschließend Gespräch mit der Regisseurin.

Donnerstag, 2. November 2006, 20 Uhr
IV – Heareast – jazzandmore
WAVES 2006. Experimentelle Musik und Tanz.
Ein Projekt von Csaba Hajnoczy. Mit Istvan Grencso (Saxofon), Gabi Kenderesi (Gesang) und Reka Szabo (Tanz). In Kooperation mit den Regensburger Tanztagen 2006 und dem Jazzclub Regensburg.

Sonntags, 15 Uhr
V – Kostenlose Führungen durch die Sonderausstellung mit Margarete Goj

Donnerstag, 28. September 2006, 16 Uhr
VI - Kostenlose Einführung für Lehrer und Pädagogen mit
Dr. Pavel Liška

"Die Suche nach Identität gestaltet sich im Zeitalter der Globalisierung so offen und widersprüchlich wie nie zuvor. Im Zusammenprall der Kulturen formieren sich kollektive Identitäten neu. Längst ist der Status des Grenzgängers in einer rasant sich ändernden Welt zur überlebensnotwendigen Existenzform geworden. Die Frage nach der eigenen, multiplen Identität gewinnt vor diesem Hintergrund brennende Bedeutung. Die Ausstellung "Grenzgänger" versammelt zwölf zeitgenössische Positionen, die die postmoderne Erfahrung von simultanen Selbst- und Lebensentwürfen im Bezug auf nationale, politische, religiöse, geschlechtliche oder lebensweltliche Identitäten inszenieren. Im Blickpunkt stehen bekannte und weniger bekannte Künstler der mittleren und jüngeren Generation aus Ostmittel- und Südosteuropa, die den Systemwechsel und die gesellschaftliche Transformation in ihrer Heimat aus der Innenperspektive erlebt haben. Geprägt von einer politisch und gesellschaftlich gebrochenen Sozialisation und konfrontiert mit der Frage nach dem eigenen Status im internationalen Kunstbetrieb, führen sie engagiert und in teils radikalen Kunstformen ihr Betroffen- und Involviertsein vor.
Dr. Pavel Liska, Kurator der Ausstellung: "Für Künstler aus dem östlichen Europa fiel die Befreiung von der realsozialistischen Fremdbestimmung und Monotonie mit der weltweiten Globalisierung zusammen. Die postmoderne Identitätsproblematik erleben sie daher dramatischer, aber auch einsehbarer als ihre westlichen Kollegen. Mit dem Bewusstsein des Verlustes der bisherigen Identität erscheint jedes Tabu obsolet."
Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler macht sehr unterschiedliche künstlerische und thematische Positionen in der Bearbeitung einer sich ändernden Welt mit Bezug auf die eigene Identität sichtbar. Dabei kristallisieren sich osteuropäische Regionen mit dramatischen Transformationsprozessen (Balkan) ebenso heraus wie jene, die eine besonders rasante Entwicklung vorweisen (Baltikum, Russland). Aus den ostmitteleuropäischen Nachbarländern Polen, der tschechischen und slowakischen Republiken sowie Ungarn ragen einzelne Kristallisationsfiguren heraus, in deren künstlerischen Strategien die Identitätsproblematik dominiert.

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg - als bundesweit einziges Spezialmuseum moderner Kunst, das sich deutscher Kunstgeschichte und Gegenwartskunst im östlichen Europa widmet - ist der richtige Ort für die Präsentation einer breiteren Auswahl beispielhafter künstlerischer Konzepte und Werke zum aktuellen Thema Identität. Vor der Folie einer Sammlung großartiger ostdeutscher Grenzgänger seit der Romantik wie Lovis Corinth, Otto Freundlich oder Peter Weibel zeigt die Ausstellung "Grenzgänger. Die künstlerische Identitätssuche im östlichen Europa" mit Installationen, Video-Projektionen, Fotografien und Konzepten von zwölf herausragenden Künstlern verschiedener Generationen, wie im Erfahrungsfeld von permanentem Selbstentwurf und Selbstverslust das Problem des Seins heute wahrgenommen und gespiegelt wird. Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler macht sehr unterschiedliche künstlerische und thematische Positionen in der Bearbeitung einer sich ändernden Welt mit Bezug auf die eigene Identität sichtbar. Dabei kristallisieren sich osteuropäische Regionen mit dramatischen Transformationsprozessen (Balkan) ebenso heraus wie jene, die eine besonders rasante Entwicklung vorweisen (Baltikum, Russland). Aus den ostmitteleuropäischen Nachbarländern Polen, der tschechischen und slowakischen Republiken sowie Ungarn ragen einzelne Kristallisationsfiguren heraus, in deren künstlerischen Strategien die Identitätsproblematik dominiert.

So arbeiten Milica Tomic (Serbien), Róza El-Hassan (Ungarn), Dan Perjovschi (Rumänien) oder Sanja Ivekocic in Zeichnungen, Videoinstallationen und Konzepten offensiv die zentrale Erfahrung gewaltsamer Identitätsspaltung und Ausgrenzung im Bezug auf Konstrukte postsozialistischer, nationaler, religiöser oder künstlerischer Identität auf.
International Aufmerksamkeit erregen die Performance-Künstler Oleg Kulik (Rußland), Milena Dopitová (Tschechien) oder Ene-Liis Semper (Estland). In ihren Foto- und Videoarbeiten setzen sie existenzielle Grenzsituationen in Szene, die mit der Vermischung von körperlicher und geschlechtlicher Identität spielen. Als zentrale künstlerische Mittel setzen alle Künstler den eigenen oder fremden Körper ein, der über den Weg der Entblößung und der Enttabuisierung als gesellschaftlicher Zeichenträger rehabilitiert wird. Durchgängiges Motiv ist die "Wunde" als Symbol für individuelle oder kollektive Schuldzuweisung.
Im Gegensatz dazu stellen Anri Sala (Albanien), Roman Ondák (Slowakei) und das Fotografenduo Boris Missirkov und Georgi Bogdanov (Bulgarien) in ihren Fotografien und Filmen die Frage nach dem eigenen Ort in der "schönen neuen (Kunst)Welt". Surreal wirkende Bildmomente destillieren dabei Versatzstücke neuer Mythologien. Braco Dimitrijevic blendet die künstlerische Identitätsfrage auf den traditionellen Ort von Kunst zurück. Er greift experimentell in die neue Schausammlung des Kunstforums Ostdeutsche Galerie ein und konstruiert neue Interpretationsrahmen.
Dr. Ulrike Lorenz, Kunstforums-Direktorin: "Vor den zahllosen Ausdrucksmöglichkeiten heutiger "Westkunst" zeichnet diese Kunst aus Mittelosteuropa vor allem eines aus: Die Prägungen durch eine gesellschaftlich gebrochene Sozialisation und akute Grenzgänger-Erfahrungen führen zu einer brisanten, im Westen schon lange vermissten Vertiefung der politischen Aussagekraft künstlerischer Werke und damit zu einem unverzichtbaren kulturellen Substanzgewinn".

Die Ausstellung wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, den Kulturfonds Bayern und BMW Regensburg. Vom 21. Februar bis zum 15. April 2006 wird sie vom Kooperationspartner Múzeum Ludwig/Museum of Contemporary Art, Budapest gezeigt werden.