Der Ariadnefaden führt nicht aus dem Labyrinth heraus, ohne zugleich hineinzuführen.
Wirklichkeit ist heute nur im Paradox erfahrbar.
Gruppe Geflecht, 1965
München leuchtete im 20. Jahrhundert als Kunststadt zweimal auf: mit dem Blauen Reiter vor
dem Ersten Weltkrieg und mit einer jungen, von internationaler Abstraktion inspirierten
Lokalavantgarde der 60er Jahre. Akademieabsolventen kündigten dem "Isargriechentum" im
Kunstbetrieb und dem Materialismus der Konsumgesellschaft den Kampf an. Sie organisierten
sich unter den programmatischen Parolen Wir und Spur und gingen 1965/66 als Gruppe Geflecht
zusammen. Den heimischen Barock mit seiner Fusion von Malerei und Plastik im Kirchenraum
wurde im amerikanischen abstrakten Expressionismus wiederentdeckt.
Reinhold Heller, der in Böhmen geborene Maler und Musiker, stößt 1961 zu Wir und vollzieht
im Sog von Geflecht eine Werkwende von der Fläche in den Raum. In seiner frühen gestischen
Malerei klingt biblische und antike Mythologie an. Figur wird nicht aufgegeben, sondern im
kalligraphisch geflochtenen Farbraum des Bildes verspannt und geborgen. Die Befreiung von
der Form bleibt erfüllt von Bedeutung. Mit der gemeinschaftlichen Erfindung des "Antiobjekts"
1965 gelingt ein originärer Wurf: Farbige Spiralgebilde aus Holzbrettern, Metallbändern,
Papier- und Drahtschlingen verschmelzen Malerei und Skulptur, Farbe und Bewegung und die
Gegensätze von "konstruktiv" und "informel", rational und irrational. Zentrifugale Energien
bewegen auch die filigranen und robusten Ideenskizzen in Tusche. Einflüsse der Pop-Art
bewirken etwas später den Einzug des Alltags in die heilige Bildwelt und Lust an schärferen
Farb-Flächen-Kontrasten.
Als nicht-statischer und nicht-autoritärer Raum wurde "Geflecht" von den Künstlern auch
als politisches Modell verstanden. Kunstform zielte auf Sozialform. Diesen hohen Anspruch
der Münchner Avantgarde um Reinhold Heller gilt es - neben den Werken - wiederzuentdecken.
Biografie
1933
geboren in Haid/Böhmen (heute Tschechische Republik)
1953-1958
Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München bei
Richard Seewald (Graphik und Illustration) sowie bei Edith von Voigtländer (Violine)
1955
Gründung der Künstlergruppe Quattrocento
1958/60
Staatsexamen
1960-1993
Kunsterzieher im Humanistischen Rhabanus-Maurus-Gymnasium der Benediktiner St. Ottilien; lebt seitdem in Eresing bei München
1961-1965
Mitglied der 1959 von Helmut Rieger, Florian Köhler und Heino Naujoks
gegründeten avantgardistischen Münchener Künstlergruppe Wir
1965
Zusammenschluss mit der Künstlergruppe Spur; Herausgabe der Zeitschrift Spur Wir; Entwicklung farbiger Raumgeflechte als "Antiobjekte"
1966-1967
aus der Zusammenarbeit entsteht die Gruppe Geflecht (Hans Matthäus Bachmayer, Reinhold Heller, Florian Köhler, Heino Naujoks, Helmut Rieger, Helmut Sturm, Hans-Peter Zimmer); Gründung eines experimentellen Zentrums in München, Herzogstraße 64; Großes Berliner Antiobjekt als Sonderbeitrag der Ausstellung "Labyrinthe" anlässlich der Berliner Festwochen, Akademie der Künste, Berlin; Herausgabe der Zeitschrift Geflecht; bis 1999 zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen im Zusammenhang mit Geflecht.
1968
Glasfensterentwürfe für eine Kirche in Tansania
1968-1987
Unterbrechung der künstlerischen Arbeit zugunsten der Tätigkeit als
Kunsterzieher und Geigenbauer
Seit 1987
Spätwerk: expressiv-gestische Malerei
1993
gestorben in Eresing
Wir danken Frau Margit Heller, Eresing, und den Kindern des Künstlers sehr herzlich für die überaus großzügige Schenkung der ausgestellten Gemälde und Grafischen Werke von Reinhold Heller in die Sammlung des Kunstforums Ostdeutsche Galerie Regensburg.








