Käthe Kollwitz gilt heute vielen als eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen. Unter dem Titel »Käthe Kollwitz: Existenz & Ausdruck« präsentiert das Kunstforum Ostdeutsche Galerie nun im neu eingerichteten Graphik-Kabinett seinen gesamten hauseigenen Bestand an Zeichnungen und Druckgrafiken der Zeichnerin und Bildhauerin. In der im Oktober 2005 wieder eröffneten, neu konzipierten Schausammlung des Kunstforums ist Käthe Kollwitz ein eigener Themenraum gewidmet.
Tendenzkunst - diese Definition ihrer Graphik und Plastik wies Käthe Kollwitz weit von sich. Nie aber leugnete sie, dass der frühe Sozialismus und die eigenen Lebenserfahrungen als Frau eines Berliner Kassenarztes ihre Kunst prägten: »Das Proletariat war für mich eben schön« (Kollwitz, 1944).
Künstlerischer Werdegang
Ihre zeichnerische Begabung entdeckte ihr Vater, dem sie ihre Ausbildung zur Künstlerin verdankte. Ihren ersten Unterricht erhielt Käthe Kollwitz in ihrer Heimatstadt Königsberg. Sie besuchte im Anschluss unter anderem die Berliner und die Münchner Künstlerinnenschule und wurde zudem von dem Maler Emil Neide unterrichtet.
Durch die Lektüre der kunsttheoretischen Schrift »Malerei und Zeichnung« von Max Klinger erhielt Kollwitz im Jahr 1891 den entscheidenden Impuls für ihre Hinwendung zur Graphik und die Anregung, in der Gattung die schwierigen Seiten des menschlichen Lebens darzustellen. Ab 1908 macht sie ihre Grafik schließlich zunehmend zum Instrument sozialen und politischen Engagements.
Grafisches Frühwerk
Ihr Grafisches Frühwerk ist geprägt durch die jahrelange Arbeit an zwei großen Zyklen, in denen sie sich mit Literatur und Geschichte auseinandersetzt: »Ein Weberaufstand« (1893-1898, inspiriert von Gerhart Hauptmanns Schauspiel »Die Weber«) und »Bauernkrieg« (1903-1908). Aus beiden Serien besitzt das Kunstforum wichtige Blätter, Vorarbeiten und Entwurfszeichnungen.
Bei der bedeutendsten Zeichnung im eigenen Bestand handelt es sich um einen großformatigen Entwurf in Kohle zur Radierung »Sturm« von 1897 aus dem Weber-Zyklus. In beiden Graphik-Zyklen sprengt Kollwitz den Rahmen des Naturalismus, dramatisiert exemplarische Leidensstationen Not, Kampf, Niederlage und entwickelt ein expressives Körperpathos für die Gestaltung der Unterdrückten und Aufbegehrenden.
Druckgrafik in den 1920-er und 1930-er Jahren
In den 1920-er und 1930-er Jahren wendet sich Kollwitz erneut der Druckgraphik zu. Jetzt sind es Themen ihrer unmittelbaren Gegenwart, die Folgen von Krieg und Revolution sowie ihre eigenen, schmerzlichen Lebenserfahrungen, die sie zu sozialkritischem Engagement anregen. So zeigt eine zweite bedeutende Kohlezeichnung von 1919 im Kunstforum zwei Frauen im Berliner Leichenschauhaus vor der Glaswand, hinter der die Toten des Revolutionswinters 1918/19 liegen. Kollwitz notiert nach ihrem Besuch im Tagebuch: »Welche Qual, einen lieben Menschen dort suchen zu müssen und ihn zu finden!«
An die Stelle der erzählfreudigen Radierung tritt das monumentalisierende Schwarz-Weiß des Holzschnitts und die weiche klare Konturlinie der Lithographie (Blätter aus den Folgen »Krieg«, »Proletariat« und »Tod«). Mit ihrem konzentrierten kargen Figurenstil setzt die Künstlerin dem Proletariat ihrer Zeit, insbesondere der Arbeiterfrau und den Kindern, ein Denkmal.
Ein eindrückliches Kapitel sind schließlich die melancholischen Selbstporträts der Künstlerin. In der Lithografie »Ruf des Todes« prägt sie der von der Hand des Todes berührten Gestalt die eigenen Züge ein. Im Tagebuch schreibt Käthe Kollwitz 1936: »Nachdem ich die Gruppe [Mutter mit zwei Kindern, in der Schausammlung des Kunstforums Ostdeutsche Galerie] habe in Zement ausdrücken lassen, weiß ich nicht mehr weiter. Es ist eigentlich nichts mehr zu sagen.«


