Das Kunstforum präsentiert am Donnerstag,
26. Oktober 2006 um 20 Uhr
ALIEN, MARX & CO – Slavoj Zizek, ein Portrait.
Dokumentarfilm von Susan Chales de Beaulieu, Deutschland 2005, 52 min
Erstausstrahlung auf ARTE am 24.4.2006
Die Regisseurin ist anwesend. Anschließend führt Dr. Gerd Burger vom Kunstverein GRAZ durch das Gespräch.
Slavoj Zizek. Hinter diesem Namen verbirgt sich einer der einflussreichsten, aber auch einer der umstrittensten postmarxistischen Philosophen unserer Zeit. Überschäumend, exzessiv und unnachgiebig nimmt er Stellung zur Welt, in der wir leben.
Wer ist Slavoj Zizek? Seit jeher dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan verbunden und großer Kenner der klassischen deutschen Philosophie (Hegel, Kant) hat sich Slavoj Zizek im Laufe von über zwanzig, in mehrere Sprachen übersetzter Buchveröffentlichungen sowie durch mehr als dreihundert weltweit gehaltener Vorträge ein persönliches und kühnes linkes Denken geschmiedet. Schelm und Scharlatan für die einen, unübersehbarer Erneuerer für die anderen ist Slavoj Zizek heute mit 57 Jahren mehr denn je ein permanenter Fragensteller, der vor nichts zurückschreckt, um die Beziehungen zu untersuchen, die wir zu unseren Zerbrechlichkeiten und Widersprüchen pflegen. Žižek tut alles, um konventionelle Ansichten über den Haufen zu werfen. Die Provokation dient ihm dabei als unruhestiftendes Instrument, denn ihm zufolge zwingt erst die Beunruhigung uns zum Denken. Die Person Slavoj Zizek scheint dabei die eigentliche Verkörperung dieser Unruhe: Sein Leben ist geprägt von der Rastlosigkeit, die weder ein wirkliches Zuhause noch eine Lebensgeschichte kennt.
Slavoj Zizek ist ein Denker jenseits der Norm. Im Film ALIEN, MARX & Co. äußert sich der Philosoph leidenschaftlich zu so unterschiedlichen Themen wie dem Terrorismus, David Lynch oder Bill Gates und erklärt, inwiefern die Bauweise einer Toilette Aufschluss über die nationale Identität ihres Besitzers geben kann.
Pressetext
In ihrem Arte-Beitrag „Alien, Marx & Co. – Slavoj Žižek, ein Porträt“ hat die Filmemacherin
Susan Chales de Beaulieu nun versucht, dem umstrittenen und streitbaren Postmarxisten auf
die theoretische Spur zu kommen. Ob Zizeks Denken nun Scharlatanerie oder Genie sei – diese
zu Beginn suggerierte Frage kann und will die Dokumentation nicht beantworten; hingegen
überlässt sie das Urteil dem Betrachter, indem sie sämtliche Facetten von Zizeks scheinbar
unendlich fliessenden Gedankenkaskaden auffächert. Dabei zeigt sich der Philosoph im
Gespräch mit de Beaulieu immer wieder in fast verbissener, wilder Gestik, die nichts davon
merken lässt, dass der Theoretiker – wie er selbst mehrfach betonte – nicht gerne spreche,
sondern sich eher zur schreibenden Zunft rechne.
Neue Zürcher Zeitung, 24.4.2006
Zu sehen bekamen die – zumindest am Anfang – knapp 80 Gäste anlässlich der Vorstellung des
demnächst auf Arte zu sehenden und sehr sehenswerten Zizek-Porträts „Alien. Marx & Co“ von
Susan Chales de Beaulieu eine Art philosophischen Brummkreisel, einen denkenden Derwisch.
(…) Einen kleinen, grauvollbärtigen rundlichen Mann in Jeans und grüner Army-Jacke muss man
sich vorstellen, dessen Hände ununterbrochen wackeln, wild gestikulieren, nach vorne, nach
oben schnellen und zurück, einen der immer wieder: mit seinem rechten Daumen seine Nase
antippt, kurz schnieft, sich durch die Haare fährt, seine Jacke am Revers zurechtzupft, die
Nase antippt, schnieft, durch die Haare streicht, die Jacke zupft. (…)Nicht ohne Charme und
Witz peitscht das dem Hörer entgegen und wirkt doch bald auch gehörig enervierend, manisch.
Es muss raus aus diesem Denker, Gedanken, Assoziationen, Zitate, Verweise, Pointen,
Beispiele, Thesen. Alles muss raus. Denn darum geht es: um alles. Um Kapitalismus und
Kommunismus, Amerika und China, darum, warum Pollock und nicht Rothko einst auf dem Cover
der amerikanischen Zeitschrift Life war, um Wunschsteuerung per Hirnchip, Europa, die CIA,
die Revolution, Robert Altmans Film „Short Cuts“, Beethovens Neunte. Um Saddam, Stalin,
Lenin, Hitler, Marx, Freud, Lacan, natürlich, Hitchcock, Kitsch, Deleuze, Foucault, den
Gulag, Auschwitz, Kafka, Kant. Und wozu? Zizek will „die Dinge offen halten“, den Kopf
verdrehen, den Kapitalismus, die Demokratie „defetischisieren“, neue Perspektiven
aufzeigen, indem er Dinge zusammen bringt, die nichts miteinander zu tun zu haben
scheinen, um letztlich, ja, um letztlich die Macht der Macht zu unterlaufen, das
Unmögliche wieder möglich oder wenigstens denkbar zu machen – und so am Ende die Erde zu
einem weniger grausamen Ort.
Süddeutsche Zeitung, 28.3.2006
Eintritt: 8,- / 6,- €. Ort: Sonderausstellung


