Clara Siewert
Gut Budda (bei Pr. Stargard) / Westpreußen 1862 – 1944 Berlin
Selbstbildnis mit Palette. um 1895
Öl auf Leinwand
KOG Regensburg, Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland
Auffällig sind bei diesem Selbstbildnis das schmale hochrechteckige Format und die untersichtige Perspektive des Betrachters. Die Künstlerin, die sich mit Palette
und Pinsel in der rechten Hand darstellt, zeigt nicht ohne Stolz ihren Stand. Ihre jugendlichen, offenen Züge strahlen Tatendrang und Hoffnung aus. Das Portrait
zeigt eine junge Künstlerin, die es zunächst verstand sich in einer von Männern dominierten Kunstwelt um die Jahrhundertwende durchzusetzen.
Obwohl Clara Siewert in der Westpreußischen Peripherie aufwuchs, erhielten sie und ihre Schwestern eine fundierte Ausbildung und gingen sogar auf die höhere Schule
nach Danzig. Ihren ersten Malunterricht erhält sie in Königsberg, bevor sie 1884 nach Berlin ging um im Damenatelier von Karl Stauffer-Bern zu studieren. Dort begegnete
sie Käthe Kollwitz, mit der sie seither befreundet war. 1901 war Clara Siewert eine der ersten weiblichen Mitglieder der Berliner Secession und der Deutschen
Künstlergenossenschaft. Durch ihre ungewöhnlich frühe Mitgliedschaft in der Berliner Secession waren ihr Lovis Corinth, Walter Leistikow oder Max Liebermann persönlich
bekannt, und sie pflegte Kontakt zu Max Slevogt und Alfred Kubin. Seit 1896 stellte sie regelmäßig in Berlin aus, in der Secession und der Großen Berliner Kunstausstellung,
sowie in der Galerie Keller & Reiner Berlin, dem Kunstsalon Gurlitt und auch auf der Weltausstellung in Leipzig. Siewert lebte mit ihrer Schwester, der Schriftstellerin
Elisabeth in Berlin Wilmersdorf und unternahm von dort aus zahlreiche Reisen u.a. nach Paris (1906), Bayern und Österreich (Salzburg) und in ihre Heimat nach Westpreußen.
Mit dem Ersten Weltkrieg zieht sie sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Sie ist nur noch selten auf Ausstellungen präsent und kündigte ihre Mitgliedschaft in
der Secession. Der Tod ihrer Schwester Elisabeth 1930 treibt sie weiter in die Einsamkeit. Bis sie, bereits zu Lebzeiten vergessen, 1944 bei einem Bombardement auf
Berlin ums Leben kam.
In ihrer über 60-jährigen künstlerischen Tätigkeit schuf Clara Siewert eine Vielzahl an Gemälden, Gouachen, Zeichnungen und Druckgrafiken. Der größte Teil ihrer Kunstwerke
wurde jedoch bei dem Luftangriff auf Berlin 1944 zerstört.
Ihre Werke sind abgründig und dämonisch wie die Max Klingers, während sie das Interesse am seelischen Drama mit ihrem Zeitgenossen Edvard Munch verbindet. Aufgrund
ihrer thematischen Vorliebe für Mystisches sowie für Märchen und literarische Stoffe steht sie prinzipiell der Kunst Lovis Corinths und Max Slevogts näher als der
Max Liebermanns.
Bis zum 14.9.2008 ist die Neuentdeckung Clara Siewerts am Kunstforum zu sehen. Die Ausstellung zeigt eine nahezu vollständige Retrospektive der Künstlerin, die nicht
nur in Vergessenheit geraten war, sondern deren Werk durch die tragischen Umstände des Zweiten Weltkriegs fast ausgelöscht wurde.

