Clara Siewert
Gut Budda (bei Pr. Stargard) / Westpreußen 1862 – 1944 Berlin
Selbstbildnis als Medusa / Maria Stuart. um 1890
Feder, schwarze Tusche auf Fotopapier
Kunstforum Ostdeutsche Galerie
Wie bei vielen Künstlern war auch für Siewert das Selbstbildnis immer wieder ein Thema. Die Tatsache, dass sich unter den 167 erhaltenen Arbeiten 25 Selbstporträts
befinden, zeigt bereits, wie wichtig der Künstlerin die Auseinandersetzung mit der eigenen Person war.
Im „Selbstbildnis als Medusa“ erscheint das Gesicht der Künstlerin sehr jung und wurde deshalb in die ersten Jahre nach ihrer Berliner Studienzeit datiert.
Das Thema der Medusa ist an den Schlangenhaaren deutlich auszumachen.
Dem Mythos zu Folge war Medusa einst ein wunderschönes Mädchen. Als Pallas Athene sie aber bei einer Buhlschaft mit Poseidon in einem ihrer Tempel überraschte,
verwandelte sie diese erzürnt in ein geflügeltes Ungeheuer mit Schlangenhaaren, Schuppenpanzer und glühenden Augen, bei deren Anblick man zu Stein erstarrte.
Zusammen mit ihren Schwestern, den gefürchteten Gorgonen, hatte sie von nun an, die goldenen Äpfel der Hesperiden zu bewachen. Perseus drang jedoch in den Garten
ein, enthauptete Medusa und stahl die Äpfel.
Da Siewert in ihrer Jugend die Figur Maria Stuart des gleichnamigen Schillerschen Dramas, die am Ende geköpft und mit Schlangenhaaren beschrieben wird, selbst des
Öfteren gespielt hat, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Künstlerin neben dem prominenten Thema der Medusa hier auch an das Haupt der schottischen Königin dachte.
Trotz der Grausamkeit der Tat findet man in den Zügen der Künstlerin keine Spur der schrecklichen Geschichte. Das Antlitz ist, wie erlöst vom irdischen Dasein,
merkwürdig entspannt. Der Tod scheint hier das junge Wesen nicht dem Leben zu entreißen, sondern Ruhe und Erlösung zu bringen. Diese zwiespältige Auffassung vom Tod
findet sich auch in anderen Darstellungen der Künstlerin, beispielsweise im „Hexenzyklus“, in dem eine junge Frau vom Mob gesteinigt wird, am Schluss aber vom Dasein
erlöst auf Pegasus gen Himmel entschwebt.
Durch die gekonnte technische Umsetzung gelang es der Künstlerin trotz des glatten Fotopapiers eine dauerhafte Federzeichnung aufzutragen. Die wie gestochen wirkenden,
feinen Linien haben seit über hundert Jahren nichts von ihrer Eindringlichkeit eingebüßt.

