Lovis Corinth
Tapiau / Ostpreußen 1858 - 1925 Zandvoort
Salome. 1900
Öl auf Leinwand
Museum der bildenden Künste Leipzig
"Noch so ein Coup wie die Salome, und ich könnte kaum meine Berühmtheit ertragen", schreibt Corinth 1901. Mit diesem spektakulären Schlüsselwerk wird der Münchener
Mythenmaler in Berlin eine "Kapazität". Für ihren Schleiertanz fordert Salome von Herodes den Kopf des Täufers Johannes, der die Tempeltänzerin zeitlebens verachtungsvoll
übersah. Unter ihren lüsternen Fingern erzwingt sie einen letzten Blick des Toten. "Salome" ist Corinths ambitionierte Antwort auf Oscar Wildes Skandalstück und das
zeittypische Thema der Femme fatale - ein souveräner Balanceakt zwischen schwüler Sinnlichkeit und handgreiflicher Realistik.
Aus der Perspektive der Malerwerkstatt hört sich das in breitem Ostpreußisch aber auch anders an: "Nu war das Bild vorijes Jahr in allem übrijen längst fertig, als ich
immer noch auf Deeiwel komm raus an der Salome herumzupinkern hatte. Denn das Luder sollte den Johannes ankucken, aber das brachte ich ganz eeinfach nicht heraus. Immer
kuckte die Marjell so schepp darüber weg. Ich war vor Wut schon drauf und dran, den ganzen Schinken wieder abzukratzen. Aber da klopft's an die Tür von meeinen Atelier -
und wer tritt eein? Keein anderer als Walter Leiistikow von der Berliner Secession mit seeiner Frau. Nu, ich zeeije ihnen meeine Salome, und das erste, was die Leiistikow
davon zu sagen weeiß, is foljendes: ,Famos! Eein starkes Bild! Das Feeinste aber daran is, wie die Salome sich trotz allem Sadismus doch nicht überwinden kann, den Kopf
des Täufers wirklich anzukucken.' - Ho, da sah ich aber Land und dachte mir: - Schluss, weeiter setz' ich keeinen Pinsel an!" Gott sei Dank! Der schräge Blick der
Salome ist die theatralische Pointe dieses brillanten Sinnbilds des Fin de Siècle.
Ulrike Lorenz

