Lovis Corinth
Tapiau / Ostpreußen 1858 - 1925 Zandvoort
Selbstbildnis als Fahnenträger. 1911
Öl auf Leinwand, 145x130 cm
Muzeum Narodowe Poznan
Foto: Ausstellungskatalog
Der Maler in glänzender Rüstung und herrischer Pose, das kann doch nicht wahr sein! Wir schreiben das Jahr 1911. Corinth der Große hat es geschafft. Er ist zum
Präsidenten der Berliner Secession gewählt worden, einer der bedeutendsten Künstlerbühne Deutschlands an der Schwelle zur Moderne.
Genau zehn Jahre ist es her, dass er den Sprung aus Münchens "lässigem Behagen" in die pulsierende Kunstmetropole Berlin wagte. In der Hauptstadt des wilhelminischen
Industrie-Kaiserreichs zelebriert sich ein enormes Neureichentum mit Hang zum kulturellen Risiko selbst. Da kommt Corinth, der ostpreußische Mythomane, mit seinen
skandalös zeitgenössischen Neuinterpretationen der alten Geschichten um Salome und Andromeda gerade recht. Sein plebejischer Vitalismus, geschult an Rembrandt und
Frans Hals, entzückt das genusssüchtige Großstadtpublikum und feiert auch unter den verblüfften Künstlerkollegen Triumphe. Corinth gewinnt das Machtspiel um
Öffentlichkeit und Marktanteile in der Berliner Secession - für kurze Zeit. Am Ende desselben Jahres, in dem er sich voller Stolz und malerischer Eloquenz im
Lieblingsrequisit seiner anachronistischen Selbstinszenierungen zeigt, wird ihn ein Schlaganfall die Fragilität der eigenen Existenz vor Augen führen.
Ulrike Lorenz

