Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Pravoslav Sovak
(Vysoké Mýto / Böhmen 1926 - lebt und arbeitet in Hergiswil, Schweiz)

Besuch bei Heinrich Böll am 14. März 1978, 1978-1998
SRadierung, Fotogrvüre, Kaltnadel, aquarelliert
Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg
Inv.-Nr. 20570

Pravoslav Sovak besuchte Heinrich Böll am 14. März 1978, da er den Auftrag von dem italienischen Verlag Editio Grafica Uno (Mailand) erhalten hatte, eine Geschichte aus einem noch unveröffentlichten Erzählungsband des Literaturnobelpreisträgers mit fünf Szenen zu illustrieren. Du fährst zu oft nach Heidelberg erschien 1979 und vier Jahre darauf wurde schließlich diese titelgebende, von Sovak illustrierte Erzählung in luxuriös-bibliophiler Aufmachung und limitierter Auflage herausgegeben.
Da Sovak von den fünf geplanten Szenen auch eine für das Porträt des Autors reserviert hatte, fotografierte der Künstler den Schriftsteller während seines knapp zweistündigen Aufenthalts mehrmals. Erst 19 Jahre nach diesem Besuch fasste Sovak zwölf dieser damals entstandenen Aufnahmen zu einer großen Arbeit zusammen, wobei er sich eines strengen Rasters bediente. In drei Reihen zu jeweils vier Bildern ordnet der Künstler die Fotos so an, dass man beinahe einen Film vor sich ablaufen sieht. Unterstützt wird diese Wirkung nicht nur durch das Raster, sondern auch durch den immer gleichen Bildausschnitt, der den Schriftsteller stets von den Schultern an aufwärts zeigt. Beginnt man nun, wie es ja durch die formale Anordnung von Sovak gedacht ist, oben links diese drei Filmstreifen nacheinander zu lesen, so scheint der Abend zwar fröhlich begonnen zu haben, aber für den Autor am Ende doch sehr anstrengend gewesen zu sein. In der ersten Reihe wirkt der Schriftsteller noch ausgelassen und fröhlich, in der zweiten schlägt diese Fröhlichkeit nach und nach in Erschöpfung um und in den untersten vier Bildern kommt es noch einmal zu einem kurzen Aufbäumen bevor der Autor völlig entkräftet in sich zusammenzusinken scheint.
Da die Fotos von Sovak nachträglich so angeordnet wurden und keineswegs dem wirklichen Verlauf des Abends entsprechen müssen (was der Titel allerdings suggerieren möchte), wird diese Dokumentation des Besuchs im übertragenen, allgemeinen Sinne auch zum 'Film des Lebens', der nachträglich wie im Zeitraffer vor dem inneren Auge abläuft: Unbedarfte Fröhlichkeit in der Jugend, Anstrengung in der Reife, Erschöpfung sowie endgültige Aufgabe im Alter.

Das außergewöhnliche Blatt, von dem das zweite Porträt in der illustrierten Erzählung aufgenommen wurde, ist im Zuge der Schenkung Sovak 2009, die nahezu das gesamte druckgrafische Werk umfasst, in die Sammlung des Kunstforums gelangt.