Mit ihren Fadeninstallationen verwandelt Susanne Hanus Innenräume sowie Außenbereiche. Die Verstrickungen machen das „Verwickelt-Sein“ in Beziehungen, Abhängigkeiten und Zusammenhänge der Welt von heute sichtbar. Zugleich vernetzen sie mit Erinnerungen an andere Orte und Zeiten.
Nach ihrem letzten Auftritt im Kunstforum Ostdeutsche Galerie 2014 anlässlich der Ausstellung „Zeitspuren“ erstellt Susanne Hanus nun im Foyer des Museums erneut ein Netzwerk. An der Langen Nacht der Museen am Samstag, 10. Oktober, machen Licht und Musik von Jean-Michel Jarre die Installation auf einzigartige Weise erlebbar.
Eine ihrer Verstrickungen hatte die Künstlerin 2011 auch am Elternhaus ihrer Großmutter in Czernowitz/Tscherniwzi (heute Ukraine) angebracht. Symbolisch verknüpfte sie so die Heimat ihrer Vorfahren mit dem Ort, an dem die Familie heute lebt.
Ernestine Hanus (1916-2011) musste Czernowitz 1940 verlassen. In geheimer Absprache mit der Sowjetunion holte NS-Deutschland die deutschstämmige Bevölkerung „heim ins Reich“. Das war der Anfang vom Ende des vielfältigen Kulturlebens der Stadt, in der man jiddisch, deutsch, ukrainisch, rumänisch, und polnisch gesprochen hat.
2008 lud Susanne Hanus Großmutter und Vater zu einer Reise ein. In umgekehrter Richtung legten sie Station für Station den Weg zurück, der die junge Ernestine und ihren Sohn über Seidenberg/Zawidow (heute Polen) und Görlitz nach Westdeutschland geführt hatte. Ihre Erinnerungen und Eindrücke sammelten sie: Es entstand eine Collage aus Texten und Bildern, die von der Familiengeschichte, historischen Ereignissen und dem aktuellen Geschehen in der Ukraine erzählten. Weitere Zeichnungen und Kommentare ergänzte Susanne Hanus 2011 bei einem zweiten Besuch der Stadt. Nach Beginn des russischen Vollangriffs auf die Ukraine 2022 fügte sie dem Reisetagebuch Berichte der Leiterin der „Kulturgesellschaft Gedankendach“ vor Ort hinzu. Krieg, Flucht, Vertreibung – die Geschichte wiederholt sich.
Am Freitag, 16. Oktober, stellt Susanne Hanus ihr Drei-Generationen-Projekt „Reise nach Czernowitz“, das letztes Jahr in Buchform erschienen ist, vor. Sie berichtet über die gemeinsame Fahrt, liest Textpassagen und zeigt Zeichnungen, die unterwegs und auch nach der Reise entstanden sind. Im Anschluss an die Lesung sind alle Beteiligten zum Austausch eingeladen. Moderiert wird der Abend von Prof. Dr. Katrin Boeckh, tätig für den Denkraum Ukraine, am IOS Regensburg sowie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Veranstaltung beginnt um 18.30 Uhr in dem von der Künstlerin verstrickten Kuppelsaal des Kunstforums Ostdeutsche Galerie. Die Teilnahme ist kostenlos. Platzreservierung ist ab sofort unter www.kunstforum.net oder telefonisch unter 0941 29 714 20 möglich.
In Zusammenarbeit mit dem Denkraum Ukraine findet ebenfalls das Podiumsgespräch am Donnerstag, 19. November um 18.30 Uhr statt. Prof. Dr. Katrin Boeckh (Denkraum Ukraine; IOS Regensburg; Ludwig-Maximilians-Universität München), PD Dr. Tetyana Hoggan-Kloubert (Universität Augsburg) und Prof. Dr. Jana Osterkamp (Bukowina-Institut; Universität Augsburg) beschäftigen sich mit dem Thema „Vertriebene gestern, Geflüchtete heute? Deutsche und ukrainische Erfahrungen im Gespräch“.
Susanne Hanus lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin und Kunstlehrerin in Murnau am Staffelsee. Seit 2004 gestaltete sie zahlreiche Einzel- sowie Gruppenausstellungen. Ihre „Verstrickungen“ hat sie an Orten in Deutschland sowie u.a. in Breslau (Polen), Tiflis (Georgien), Nova Iguaçu (Brasilien), Glasgow (Schottland), Joshua Tree National Park (Kalifornien) angebracht, ebenso in Czernowitz (Ukraine).
Prof. Dr. Katrin Boeckh ist Historikerin am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg, wo sie die Forschungsstelle Kultur und Erinnerung, Heimatvertriebene und Aussiedler in Bayern leitet. Innerhalb des „Denkraum Ukraine“ koordiniert sie das Themenfeld Flucht, Migration und Wertetransfer.
Das Zentrum für interdisziplinäre Ukrainestudien „Denkraum Ukraine“ an der Universität Regensburg wird vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) aus Mitteln des Auswärtigen Amts (AA) von 2024 bis 2028 gefördert. Es vernetzt Ukraine Expertise in Geschichte, Kultur, Politik, Recht und Wirtschaft, schaff t einen international sichtbaren Wissens- und Kommunikationshub und fördert interdisziplinäre Forschung und Lehre zur Ukraine.
Veranstaltungen und Kooperationen mit Partnern aus der Ukraine, Deutschland und anderen Ländern stärken den wissenschaftlichen Austausch und schaff en eine Dialogplatt form über disziplinäre Grenzen hinweg.
PRESSEBILDER
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