Laudatio auf Gert & Uwe Tobias

zur Verleihung des Lovis-Corinth-Preises 2026
 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gert, lieber Uwe,

es gibt Künstler, die Bilder machen.
Und es gibt Künstler, die Räume öffnen.

Gert und Uwe Tobias gehören zu jenen Künstler:innen, deren Werk nicht einfach vor uns hängt, sondern uns empfängt, anlockt, befragt, verunsichert, manchmal amüsiert und manchmal auch erschreckt.

Es ist eine Kunst, die uns nicht in Ruhe lässt.

Denn wenn wir ehrlich sind: Die größte Herausforderung, die Kunst heute hat, besteht nicht darin, gesehen zu werden — sondern darin, uns so weit zu berühren, dass wir nicht mehr wegsehen können.

Denn Kunst, die diesen Namen verdient, ist nicht Dekoration des Gegebenen. Sie ist eine Unterbrechung. Sie verschiebt die Ordnung der Dinge. Sie zeigt uns nicht einfach, was sichtbar ist, sondern lässt ahnen, was im Sichtbaren unsichtbar mitgeführt wird: Erinnerung, Begehren, Angst, Herkunft, Traum, Geschichte sowie Verlust.

Die Arbeiten von Gert & Uwe Tobias unterhalten nicht.
Sie eröffnen.
Sie eröffnen Räume, in denen sich etwas ereignet, das wir vielleicht als Erkenntnis bezeichnen könnten — oder vorsichtiger: als Verschiebung unserer Wahrnehmung.

Denn was uns bei Gert und Uwe Tobias begegnet, ist nicht einfach das Sichtbare. Es ist das Sichtbare im Zustand seiner eigenen Unsicherheit.

Max Beckmann hat gesagt: „Willst du das Unsichtbare fassen, dringe, so tief du kannst, ein — in das Sichtbare.“ Dieses Eindringen ist bei den Tobias-Brüdern kein heroischer Akt. Es ist ein Spiel, ein Verfahren, eine Methode der Überlagerung, der Verschiebung, der Wiederholung.

Ihre Bilder, Holzschnitte, Collagen, Zeichnungen, Keramiken und raumgreifenden Installationen sind keine abgeschlossenen Bildeinheiten. Sie sind Momente in einer Kette. Sie sind historische Werkzeugkästen, poetische Maschinen, Traumarchive, Bühnen, Reliquienschreine und manchmal auch sehr komische Monsterparlamente.

Man könnte sagen: Ihre Werke sind Radarschirme. Auf ihnen erscheinen Signale — flüchtige Formen, Figuren, Muster, Andeutungen — die sich zu etwas verdichten, das wir zu erkennen glauben, nur um sich im nächsten Moment wieder zu entziehen.

Diese Ambivalenz ist kein Mangel.

Sie ist das eigentliche Versprechen dieser Kunst.

Denn sie entspricht einer Erfahrung, die unsere Gegenwart prägt: der Erfahrung, dass es keine letzte, stabile Ordnung der Dinge mehr gibt. Dass Bedeutungen sich verschieben. Dass Identitäten nicht feststehen. Dass Geschichte nicht einfach gegeben ist, sondern immer wieder neu geschrieben werden muss.

Sie bieten nicht eine Erzählung an, sondern mehrere. Sie erlauben Dialoge zwischen verschiedenen Versionen von Geschichte. Sie verbinden Historisches mit Gegenwärtigem, Mythisches mit Alltäglichem, Konstruktives mit Groteskem, Strenge mit Überschuss, Fläche mit Raum.

Sie eröffnen einen Dialog zwischen ihnen.

In ihren Arbeiten begegnen wir Figuren, die uns vertraut und fremd zugleich erscheinen. Wesen, die sich aus Gefäßen erheben, aus Ornamenten hervorgehen, aus Fragmenten zusammensetzen. Körper, die instabil wirken, prekär balancieren, sich verwandeln.

In ihnen begegnen wir Figuren, die dem Menschlichen nahe stehen und sich zugleich weit von ihm entfernen. Wesen mit Hörnern, langen Nasen, wankenden Körpern, vasenhaften Sockeln, hybriden Gliedern. Diese Figuren sind keine Individuen im klassischen Sinn. Sie sind Aggregatzustände. Verdichtungen von Geschichte, Erinnerung, Mythos, Fantasie.

Wir begegnen Herzen, Vögeln, Blumen, Masken, Ornamenten, Gefäßen, Schmetterlingen, Schloten, Wolken. Wir begegnen Zeichen, die aussehen, als hätten sie eine Sprache vergessen, die sie einmal sprechen konnten, die aus unterschiedlichen Zeiten und Kontexten stammen und hier in neue Beziehungen treten.

Diese Motive sind operative Elemente, Werkzeuge, Bestandteile eines visuellen Denkens.

Gert und Uwe Tobias erklären uns die Welt nicht. Sie machen sie wieder rätselhaft.

Ihre Kunst wurzelt in vielen Schichten: in der Kunstgeschichte, in der Volkskunst, in der Ornamentik, in Mythen und Erzählungen, auch in der siebenbürgischen Herkunft der beiden Künstler, die 1973 in Brașov geboren wurden. Bekannt geworden sind sie insbesondere mit ihren großformatigen Farbholzschnitten, deren Technik sie auf unverwechselbare Weise weiterentwickelt haben.

Aber Herkunft ist bei ihnen kein biografischer Schlüssel, mit dem man das Werk auf- und abschließen könnte. Sie ist eher ein Resonanzraum. Ein Speicher. Ein Ort, aus dem Bilder kommen, die nie ganz dort bleiben, woher sie stammen.

Das Volkstümliche, das Folkloristische, ist bei Gert und Uwe Tobias keine nostalgische Rückkehr zu vermeintlich einfachen Ursprüngen. Sie ist eine Sprache, die sich ohne Angst in unterschiedliche Erzählungen einbindet. Es ist vielmehr ein kollektives Gedächtnis, das aktiviert wird. Ein Reservoir von Formen, Mustern und Erzählungen, das sich ohne Scheu in neue Kontexte einschreibt.

Folklore wird hier zur Strategie.

Sie erlaubt Anschlussfähigkeit und Fremdheit zugleich. Sie erzeugt Nähe, ohne sich zu erklären. Sie schai Verständlichkeit, ohne Eindeutigkeit zu behaupten.

In diesem Sinne ist das Werk der Tobias-Brüder ein historischer Werkzeugkasten. Jeder kann sich bedienen - aber niemand kann ihn vollständig durchdringen.

Doch diese Offenheit ist kein beliebiger Pluralismus. Sie folgt einer präzisen künstlerischen Entscheidung: der Entscheidung, Bedeutung nicht festzuschreiben, sondern in Bewegung zu halten.

Das zeigt sich auch in der Technik.

Die großformatigen Holzschnitte, für die Gert und Uwe Tobias international bekannt wurden, sind alles andere als traditionelle Druckgrafik. Sie entstehen im Puzzledruck — ein Verfahren, bei dem mehrere Druckstöcke zu einem Bild zusammengefügt werden. Ein Verfahren der Montage, der Überlagerung, der Differenz.

Auch hier: keine Einheit ohne Bruch.

Kein Bild ohne Schnitt.

Und doch entsteht aus diesen Schnitten eine überraschende Kohärenz. Eine Ordnung, die nicht vorgegeben ist, sondern sich im Prozess bildet. Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich eine tiefere Dimension ihres Werks zeigt: seine Nähe zur psychoanalytischen Struktur des Denkens.

Jacques Lacan unterschied zwischen dem Symbolischen, dem Imaginären und dem Realen. Das Reale — so Lacan — ist das, was sich der Sprache entzieht. Das, was nicht vollständig integriert werden kann. Das, was als Störung, als Rest, als Unheimliches zurückkehrt.

Die Arbeiten von Gert und Uwe Tobias berühren genau diesen Bereich.

Sie zeigen uns nicht das Reale selbst — das wäre unmöglich —, aber sie umkreisen es. Sie erzeugen jene Momente, in denen etwas nicht aufgeht. In denen ein Bild mehr bedeutet, als es zeigt. In denen ein Detail sich nicht einordnen lässt.

Das ist der Moment, in dem wir beginnen zu schauen.

Und zugleich der Moment, in dem wir bemerken, dass wir angeschaut werden. Lacan hat dafür den Begriff der „Extimität“ geprägt: das Intimste ist zugleich das Äußerste. Was uns am nächsten ist, erscheint uns als fremd. Die Werke der beiden operieren genau in diesem Spannungsfeld.

Ihre Bilder sind nicht einfach Oberflächen.

Sie sind Durchgänge.

Das wird besonders deutlich in ihren Ausstellungen, die immer als Gesamträume gedacht sind und nie bloß als Präsentation einzelner Werke. Hier wird das einzelne Werk Teil eines größeren Zusammenhangs. Die Wände, die Farben, die Sockel, die Platzierungen — alles ist Teil einer Choreografie.

Man geht durch diese Ausstellungen nicht wie durch eine Abfolge von Bildern.

Man geht wie durch einen Traum, der gelernt hat, Architektur zu werden.

Man bewegt sich durch diese Räume wie durch eine Promenade des Denkens.

Der österreichische Architekt Laurids Ortner hat die Promenade einmal als einen Gedankengang beschrieben: eine Abfolge von Räumen, die wie Assoziationen aneinander gereiht sind. Genau so funktionieren die Ausstellungen von Gert und Uwe Tobias.

Sie sind keine linearen Erzählungen.

Sie sind Bewegungen.

Bewegungen zwischen Nähe und Distanz, zwischen Innen und Außen, zwischen Figur und Abstraktion, zwischen Erkennen und Verlieren.

Ein besonders starkes Motiv in diesem Zusammenhang ist die Linie.

Die Linie bei Gert und Uwe Tobias ist nicht einfach ein zeichnerisches Mittel. Sie ist ein Prinzip. Sie verbindet, trennt, strukturiert, erweitert. Sie trägt die Möglichkeit eines endlosen Geflechts in sich — eines Netzes, das sich immer weiter ausdehnen könnte.

Die Linie ist zugleich Form und Bewegung.

Sie ist Begrenzung und Öffnung.

Und vielleicht ist sie auch eine Metapher für das Werk selbst: ein Geflecht aus Beziehungen, das keine endgültige Form kennt.

Diese Offenheit zeigt sich auch im Umgang mit Raum.

Ob in den schachtartigen Architekturen, den vertikalen und horizontalen Achsen, den wolkenartigen Ausdehnungen oder den bühnenhaften Konstruktionen — immer geht es darum, Raum nicht als gegeben zu akzeptieren, sondern als etwas, das imaginiert, konstruiert, verschoben werden kann.

Der Raum wird zum Denkraum.

Zum Traumraum.

Zum Möglichkeitsraum.

Und in diesem Raum begegnen wir immer wieder einem zentralen Thema: dem Verhältnis von Verlust und Wiederkehr.

Viele der Motive bei Gert und Uwe Tobias lassen sich als Stellvertreter lesen — als Ersatz für etwas, das fehlt. Der Vogel, die Blume, das Gefäß, das Ornament: Sie tragen Bedeutungen, die sie nie vollständig einlösen können.

Die Wandfarbe, das Plakat, die Sockel, die Keramiken, die Zeichnungen, die Holzschnitte — alles gehört zusammen. Alles reguliert den Bezug zwischen Werk und Betrachter. Alles erzeugt Nachbarschaften, Substitutionen, Verwandtschaften. Eine Figur kann ein Gefäß sein, ein Gefäß ein Körper, ein Körper ein Zeichen, ein Zeichen ein Fetisch, ein Fetisch ein Schlüssel.

Auch hier zeigt sich die Ambivalenz dieser Kunst: Sie tröstet nicht über den Verlust hinweg. Sie macht ihn produktiv.

Die Wiederholung spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Wiederholung ist bei Gert und Uwe Tobias kein bloßes Wiederholen des Gleichen. Sie ist eine Form der Erinnerung, die nach vorne gerichtet ist. Eine Bewegung, die Differenz erzeugt.

Man erinnert nicht, um zu bewahren, sondern um neu zu schreiben.

Ihre Arbeiten zeigen, dass das Dekorative nie harmlos ist. Ornament ist hier nicht Schmuck, sondern Struktur. Muster sind nicht Beiwerk, sondern Gedächtnisformen. Wiederholung bedeutet nicht Stillstand, sondern Differenz.

So ist auch die Wiederholung im Werk von Gert und Uwe Tobias keine Rückkehr zum Gleichen. Sie ist eine Handlung. Sie schreibt Geschichte noch einmal — aber anders. Sie holt nicht zurück, was verloren ist; sie zeigt, dass im Wiederfinden immer auch Verlust enthalten bleibt.

So entsteht eine Kunst, die zugleich zeitlos und zutiefst gegenwärtig ist.

Eine Kunst, die sich aus der Vergangenheit speist, ohne ihr zu gehören.

Eine Kunst, die in der Gegenwart wirkt, ohne sich ihr zu unterwerfen.

Und genau deshalb ist sie heute so wichtig.

In einer Zeit, in der Bilder uns in unendlicher Zahl umgeben, in der Sichtbarkeit zur Selbstverständlichkeit geworden ist, erinnert uns das Werk von Gert und Uwe Tobias daran, dass Sehen keine passive Tätigkeit ist.

Sehen ist ein Akt.

Und manchmal auch eine Zumutung.

Ihr Werk ist eine Einladung — aber keine bequeme. Es fordert uns heraus, unsere Gewohnheiten des Sehens zu überprüfen. Es konfrontiert uns mit dem Fremden im Eigenen. Es öffnet Räume, in denen wir uns orientieren müssen, ohne sicher zu sein, wohin wir gehen.

Vielleicht ist das der Grund, warum diese Kunst so unmittelbar wirkt, obwohl sie so komplex ist. Sie verlangt keine Entzifferung im akademischen Sinn. Sie belohnt zwar Wissen, aber sie setzt es nicht voraus. Man kann kunsthistorische Linien ziehen — zu Expressionismus, Konstruktivismus, Surrealismus, Volkskunst, Druckgrafik, Theater, Psychoanalyse. Aber die eigentliche Erfahrung entsteht vor dem Bild, im Raum, im Körper.

Diese Kunst weiß, dass wir denkende Wesen sind.
Aber sie weiß auch, dass wir träumende Wesen bleiben.

Und genau darin liegt seine Schönheit.

Ich sage dieses Wort bewusst. Schön. Nicht im Sinne eines gefälligen Ausgleichs. Nicht als ästhetische Beruhigung. Sondern als Zumutung. Als Ereignis. Als Moment, in dem etwas Fremdes uns anzieht, bevor wir es verstehen.

Gert und Uwe Tobias haben der zeitgenössischen Kunst eine Bildwelt geschenkt, die zugleich archaisch und gegenwärtig, leichtfüßig und hintergründig, komisch und abgründig ist.

Dass sie heute mit dem Lovis-Corinth-Preis ausgezeichnet werden, ist deshalb mehr als eine Würdigung eines eindrucksvollen Gesamtwerks. Es ist auch die Anerkennung einer künstlerischen Haltung: einer Haltung, die Geschichte nicht besitzt, sondern befragt; die Herkunft nicht ausstellt, sondern verwandelt; die Technik nicht konserviert, sondern erneuert; die das Bild nicht abschließt, sondern öffnet.

Lovis Corinth war ein Künstler der Intensität, der körperlichen Präsenz, des malerischen Überschusses, der existenziellen Unruhe. Auch bei Gert und Uwe Tobias geht es um Intensität — nur mit anderen Mitteln. Nicht der pastose Pinsel, sondern der geschnittene, gedruckte, montierte, collagierte, gebaute und verräumlichte Bildkörper trägt diese Unruhe weiter.

Das ist eine schöne, vielleicht sogar notwendige Verbindung.

Lieber Gert, lieber Uwe,

euer Werk erinnert uns daran, dass Kunst dort beginnt, wo die Dinge ihre eindeutige Funktion verlieren. Wo der Gegenstand stirbt und als Skulptur, Fetisch, Zeichen oder Gespenst wiederkehrt. Wo das Sichtbare nicht genug ist.

Wo das Bild nicht erklärt, sondern lockt.

Ihr habt eine Welt geschaffen, in der die wilden Kerle wohnen — aber auch die Heiligen, die Schmetterlinge, die Vögel, die Schatten, die Linien, die Wolken, die verlorenen Objekte und die wiedergefundenen Träume.

Dafür danken wir euch.

Und dazu gratuliere ich und wir euch von Herzen:
zum Lovis-Corinth-Preis 2026.

Dr. Florian Waldvogel

Dr. Florian Waldvogel
Laudatio auf Gert & Uwe Tobias zur Verleihung des Lovis-Corinth-Preises 2026,
vorgetragen am 8.5.2026

Mit freundlicher Unterstützung von