Lovis Corinth (1858–1925) gilt als Vorreiter der Moderne. Um sein Werk zu fassen, wird es häufig sowohl dem deutschen Impressionismus als auch der Stilströmung des Expressionismus zugeordnet. Doch Corinths energische Malerei, in der sich das Gegenständliche zunehmend auflöst, lässt sich mit diesen kunsthistorischen Begriffen kaum beschreiben. Seinen individuellen Stil und seine künstlerische Freiheit hat er sich hart erarbeitet.
Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie verwahrt eine der bedeutendsten Sammlungen an Werken des aus Ostpreußen stammenden Künstlers. Neben zwölf Gemälden sind es rund 500 Zeichnungen und Druckgrafiken. Einen besonderen Schatz stellen daneben Corinths Zeichenhefte dar: zwölf Skizzenbücher und ein Skizzen-Album. Sie beinhalten eine weitere Vielzahl an Zeichnungen. Diese erstrecken sich über die gesamte Schaffenszeit des Künstlers, von seinen Anfängen an der Königsberger Akademie der Künste bis in sein Spätwerk.
Im Vorfeld der Ausstellung „Lovis Corinth – Bildrausch“ hat das Museumsteam die Skizzenbücher erforscht und für die vollständige wissenschaftliche Erschließung im Bestandskatalog vorbereitet. Die neuen Erkenntnisse öffnen vertiefende Einblicke sowohl in Corinths Persönlichkeit als auch in seine künstlerische Arbeitsweise. Die Skizzenbücher bilden das Herzstück der Ausstellung „Lovis Corinth – Bildrausch“. In der Gegenüberstellung mit Gemälden aus dem KOG-Bestand und hochkarätigen Leihgaben ergibt sich ein faszinierendes Bild von Corinths Schaffensprozess. „Sein unermüdliches, geradezu rauschhaftes Suchen nach einer gültigen Form wird hier sichtbar“, fasst Kuratorin Dr. Mona Stocker, Leiterin der Sammlung Gemälde/Skulptur, zusammen. „Über die zahlreichen Bezüge zu Malerei und Druckgrafik hinaus gewinnen wir aus den Skizzenbüchern eine neue und umfassende Vorstellung von Lovis Corinth als Zeichner“, ergänzt Dr. Sebastian Schmidt, Co-Kurator und Leiter der Grafischen Sammlung.
Die digitalisierten Skizzenbücher können die Besucherinnen und Besucher an zwei Medien-Stationen durchblättern. Die Werkgenese wird hier unter der Rubrik „Skizze wird Malerei“ auf einen Blick nachvollziehbar. Veranschaulicht werden auch die Herkunftsgeschichte der museumseigenen Gemälde Corinths, erarbeitet von Provenienzforscherin Natascha Mazur M.A., sowie die Ergebnisse maltechnischer Untersuchungen, durchgeführt und aufbereitet von Restauratorin Christiane Adolf M.A. Als Ausgangspunkt dienten hierzu unter anderem Röntgenaufnahmen an einem Frühwerk des Künstlers, erstellt von Professor Ivo Mohrmann und Kerstin Riße, Hochschule für Bildende Künste Dresden.
Ausführlich dargestellt sind alle Forschungsergebnisse im Ausstellungskatalog und im Bestandskatalog mit Abbildungen aller Skizzenbuchseiten. Über die Inhalte berichten die Autorinnen und Autoren im Rahmen des Begleitprogramms.
Die Ausstellung
In insgesamt sechs Ausstellungsräumen vereint die Präsentation neben den Skizzenbüchern 29 Gemälde sowie 46 Zeichnungen und Druckgrafiken. Sie folgt nicht chronologisch Corinths Biografie, sondern veranschaulicht seinen Umgang mit einzelnen Motiven, zu denen er oft über Jahrzehnte hinweg zurückkehrte. Zum Auftakt entführt ein kurzer Film die Besucherinnen und Besucher dicht an die Oberfläche von Corinths Malerei, die durch mikroskopische Vergrößerung in einer unerwarteten Vielfalt an Farben aufblüht.
Beim Betreten des ersten Ausstellungssaals wird man vom durchdringenden Blick des Künstlers empfangen. Das repräsentative Selbstbildnis zeigt Lovis Corinth 1920, auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Es ist eines von vielen, die er im Laufe des Lebens im Sinne einer Selbstreflexion anfertigte. Auf weiteren Darstellungen begegnet man Corinth unter anderem als jungem Studenten sowie wenige Monate vor seinem Tod. Zu seinem Vater Franz Heinrich Corinth hatte Lovis eine enge Bindung, wie sich in dessen Bildnissen dokumentiert. Auch seinen Geburtsort Tapiau im damaligen Ostpreußen (heute Gwardeisk, Russland) besuchte Lovis später von München und Berlin aus immer wieder und hielt ihn fest. An dieser Stelle befindet sich auch das „Heiligtum“ der Familie Corinth, ein Album, in das der Künstler erste Zeichnungen von persönlicher Bedeutung eingeklebt hat.
Lovis Corinth strebte von Beginn an gezielt danach, ein erfolgreicher Künstler zu werden. Die Skizzenbücher der 1870-er und 1880er Jahre zeugen vom ausdauernden Feilen an Bildideen zu frühen Gemälden, die teilweise nicht mehr existieren. Manche davon soll Corinth aus Unzufriedenheit selbst zerstört haben. Neben der frühesten erhaltenen Leinwand „Im Kuhstall“ (1879) ist in der Ausstellung das Genrebild „Im Fischerhaus“ (1886) zu sehen. Eine Hundestudie verweist als einziges malerisches Zeugnis auf das Gemälde „Das Komplott“, das Corinth selbst als sein „Erstlingswerk“ bezeichnete.
Die Walchenseebilder, in der Ausstellung mit einer erlesenen Auswahl vertreten, sind hingegen bezeichnend für Corinths späte Malerei. Seit 1919 verbrachte er zusammen mit seiner Frau Charlotte Berend-Corinth und seinen beiden Kindern Thomas und Wilhelmine die Sommer- und Winterferien im eigenen Haus in Urfeld. Das „Walchensee-Skizzenbuch“, ein von der Tochter im Schulunterricht selbst gebundenes und dem Vater zu Weihnachten 1922 geschenktes Heft, füllte Corinth unmittelbar mit Zeichnungen aus der trauten Familienrunde.
Die „Geburt der Venus“ (1923) steht am Ende einer Reihe von Darstellungen der römischen Liebesgöttin, die, begleitet von Meeresgeschöpfen – den Tritonen, aus den Wellen ersteht. Die erste Version mit perfekter Silhouette, dem Zeitgeist entsprechend in glatter Makellosigkeit, entstand 1896. Sie ist nur noch dank historischer Aufnahmen überliefert. Durch das stete Wiederholen des Venus-Motivs hatte Corinth dieses so verinnerlicht, dass er 27 Jahre später die Körper ohne Konturen rein aus der Farbmasse heraus formte.
In der Abfolge der Ausstellungsräume markiert das folgende Kabinett einen wichtigen Einschnitt in Corinths Leben. Am 19. Dezember 1911 erlitt der Künstler einen Schlaganfall. Die Erfahrung der Todesnähe begleitete ihn seither. Im Skizzenbuch X (1909–1912) finden sich Spuren seines Ringens mit den Folgen der Krankheit. Es enthält auch Zeichnungen rund um das Thema „Paradies“, die sowohl in ein verschollenes Gemälde von 1912 einflossen als auch fünf Jahre später in Druckgrafiken.
Die Ausstellung gipfelt im großen Saal mit einem beeindruckenden Finale. Hier präsentiert sich Corinth als Meister des Porträts und als Gestalter mehrfiguriger Kompositionen. Die Bildnisse, entstanden zwischen 1893 und 1921, führen die allmähliche Veränderung von Corinths Handschrift und die Aufhellung seiner Palette vor Augen. Das Porträt des Geigers Andreas Weißgerber aus dem Bestand des KOG, das ihn stehend beim Spielen zeigt, wird erstmals zusammen mit einer halbfigurigen Darstellung des Musikers ausgestellt. Diese malte Corinth spontan unmittelbar nach der langwierigen Porträtsitzung.
Die erzählerischen, groß angelegten Szenen repräsentieren drei Hauptwerke Corinths. Beim ersten, „Diogenes“ (1896), war Corinth offensichtlich mit der ursprünglichen Komposition nicht zufrieden, wie maltechnische Untersuchungen aufdeckten. Danach kehrte er der Malerei zunächst den Rücken und konzentrierte sich auf die Linienzeichnung und die Technik der Radierung. In Berlin gelang Corinth mit der aufreizenden „Salome“ (1899/1900) der Durchbruch. München ließ er hinter sich. Im Gemälde „Das große Martyrium“ (1907) erreichte er einen Höhepunkt an Emotion und brutaler Dramatik.
Begleitprogramm
Am Freitag, 24. Oktober, lädt das Kunstforum Ostdeutsche Galerie zum Eröffnungstag ein. Die Ausstellung „Lovis Corinth – Bildrausch“ kann man von 10 bis 18 Uhr kostenlos besichtigen. Neben den sonntäglichen Überblicksführungen gibt es jeweils mittwochs um 13 Uhr kostenfreie thematische Kurzführungen von Mitgliedern des Corinth-Teams. An mehreren Donnerstagabenden gehen sie bei Führungen unter dem Motto „Lovis Corinth im Blick“ vertiefend auf einzelne Themen ein.
Am 30. Oktober, berichtet Provenienzforscherin Natascha Mazur M.A. über die Ergebnisse ihrer Recherche zur Herkunftsgeschichte von Corinths Werken im Bestand des KOG. Corinths Weg von der Skizze zur Malerei zeichnet Dr. Mona Stocker, Sammlungsleiterin für Gemälde/Skulptur, am 13. November und 15. Januar nach. Jedes einzelne Skizzenbuch können die Besucherinnen und Besucher bei den beiden Führungen von Dr. Sebastian Schmidt, Leiter der Grafischen Sammlung, kennenlernen: Teil I am 20. November und Teil II am 4. Dezember. Vertiefende Einblicke in Lovis Corinths Maltechnik gibt Restauratorin Christiane Adolf M.A. am 27. November und 18. Dezember.
Dr. Dominik Brabant vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, mit dem das KOG im Rahmen der Ausstellung kooperiert, hält am 11. Dezember einen Vortrag mit dem Titel „Konvention und Rebellion. Lovis Corinth und die Bildgattungen um 1900“. Teilnahme und Eintritt sind an diesem Abend frei, um Anmeldung wird gebeten. Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 18.30 Uhr.
Der REWAG-Familien-Nachmittag am Samstag, 29. November, findet in Zusammenarbeit mit dem Sponsor statt. Zwischen 13 und 17 Uhr können Kinder und ihre Eltern nach vorheriger Anmeldung an kostenlosen Mitmachführungen teilnehmen. Für Groß und Klein hat das Vermittlungsteam zahlreiche Workshops vorbereitet, außerdem ein Programm für Schulen.
Unterstützung des Ausstellungsprojekts
Das umfassende Ausstellungs- und Forschungsprojekt anlässlich von Lovis Corinths 100. Todestag verdankt mehreren Akteuren intensive Unterstützung. Neben den Zuwendungsgebern – dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales und der Stadt Regensburg – förderten erneut die langjährigen Sponsoren Sparkasse Regensburg und die REWAG die Ausstellung. Darüber hinaus überzeugte das Konzept die Kulturstiftung der Länder, die Ausstellung maßgeblich mitzutragen.
Den Ausstellungs- und Bestandskatalog finanzierte die Ernst von Siemens Kunststiftung vollständig. „Die Stiftung freut sich, die kunsthistorische Forschung zu Lovis Corinth zu begleiten und die Erschließung der Museumsbestände zu unterstützen,“ so Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.
Zum Erhalt der Sammlung hat auch die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern durch die Teilfinanzierung der Restaurierungskosten des Gemäldes „Schächer am Kreuz“ (1904) von Ivo Hauptmann beigetragen. Es handelt sich um eine originalgetreue Kopie nach dem gleichnamigen Bild von Lovis Corinth aus dem Jahr 1883. Den anderen Teil der Kosten steuerten Privatspenden von Mitgliedern der Freunde und Förderer des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg e.V. bei. Der Förderverein unterstützte auch die begleitende Vermittlungsarbeit zur Ausstellung.
Das KOG dankt allen Beteiligten sowie dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte, mit dem es im Rahmen der parallel in München stattfindenden Ausstellung „Corinth werden! Der Künstler und die Kunstgeschichte“ (23.10.2025 – 6.3.2026) kooperiert.
AUSSTELLUNGSDATEN
Lovis Corinth – Bildrausch
24. Oktober 2025 bis 18. Januar 2026
Dr. Mona Stocker, Leiterin der Sammlung Gemälde/Skulptur und Kuratorin
Dr. Sebastian Schmidt, Leiter der Grafischen Sammlung und Co-Kurator
Publikationen
Lovis Corinth – Bildrausch. Von der Skizze zur Malerei. Ausstellungskatalog
herausgegeben von Mona Stocker
Lovis Corinth – Bildrausch. Die Skizzenbücher im Kunstforum Ostdeutsche Galerie. Bestandskatalog
herausgegeben von Sebastian Schmidt
Wir danken für Unterstützung und Kooperation:
- Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
- Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales
- Stadt Regensburg
- Kulturstiftung der Länder
- Ernst von Siemens Kunststiftung
- Sparkasse Regensburg
- REWAG Regensburger Energie- und Wasserversorgung AG & Co
- Freunde und Förderer des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg e.V.
- Zentralinstitut für Kunstgeschichte
- Kulturpartner: Bayern 2
Die Restaurierung wurde unterstützt von:
- Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern
- private Spenden von Mitgliedern der Freunde und Förderer des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg e.V.














